CSS Report 2019: Dr. med. Florian Suter, Geschäftsführer der Ärztenetz Nordwest AG, hat das neue Alternative Versicherungsmodell (AVM) der CSS Versicherung mitentwickelt.

AVM Multimed

Multimed ist ein wichtiger Schritt hin zur integrierten Versorgung

Die CSS bietet seit Anfang 2020 das neue alternative Versicherungsmodell (AVM) Multimed an. Florian Suter, Geschäfts­führer der Ärztenetz Nordwest AG, erklärt, welche Vorteile das Modell mit sich bringt und weshalb die integrierte Versorgung noch nicht am Ziel ist.­
Herr Suter, Sie haben das neue alternative Versicherungsmodell (AVM) Multimed der CSS mitentwickelt. Brauchen wir in der Schweiz ein weiteres AVM?
Ja, denn die Zeiten haben sich geändert. Heute nutzen Patientinnen und Patienten vermehrt digitale Kommunikations­mittel und möchten auch im Austausch mit Ärzten und Krankenversicherungen nicht darauf verzichten. Die ersten AVM sind über zwanzig Jahre alt und werden dem digitalen Wandel kaum gerecht. CSS Multimed ist ein wichtiger Schritt nach vorne.
Wie ist es zu Multimed gekommen?
In der Schweiz lassen sich neue AVM im Vergleich zu anderen Ländern relativ gut implementieren, weil das Kranken­versicherungsgesetz (KVG) die Entwicklung neuer Modelle begünstigt. Der Impuls für ein neues AVM wird entweder von Ärzten oder Krankenversicherungen ausgelöst. Im Fall von Multimed hat sich die CSS mit ihrer Idee an MedSolution gewandt. MedSolution löst im Auftrags­verhältnis für zehn Ärzte­netze administrative Aufgaben und Vertragsfragen, erstellt Auswertungen und arbeitet mit den Netzen auch im laufenden Betrieb eng zusammen. Für uns war das Projekt mit der CSS sehr interessant. Das Modell ist innovativ, und wir sind erstmals sehr früh in die Entwicklung einbezogen worden. 
Wie profitieren Kundinnen und Kunden, wenn sie Multimed wählen?
Die Versicherten wählen die erste Anlauf­stelle: Hausarzt oder Telmed. Im Krankheits­fall haben sie rund um die Uhr die Möglichkeit, eine Ansprech­person zu kontaktieren. Bei komplexen Krankheiten sind alle behandelnden Ärzte wie auch die Telmed-Partner informiert. Wichtige Informationen sind also vorhanden, sodass die Betroffenen ihre Geschichte nicht jedes Mal erzählen müssen. Über das Kunden­portal myCSS haben die Versicherten Einsicht in den administrativen Behandlungs­­verlauf. Medizinische Unterlagen wie Röntgenbilder oder Behandlungs­empfehlungen stehen in einem nur für die Versicherten zu­gänglichen, persönlichen Medical Safe zur Verfügung. Und ganz wichtig: Die Kunden profitieren von tieferen Prämien im Vergleich zu anderen Modellen.
Multimed ist innovativ, weil es den digitalen Austausch zwischen Patient, Arzt und Telemediziner fördert.
Florian Suter,
Geschäftsführer der Ärztenetz Nordwest AG
Ist Multimed auch für Leistungserbringer sinnvoll?
Ja, denn Multimed fördert den Austausch zwischen Hausärzten und Telemedizinern. Ich bin der Meinung, dass das gegenseitige Misstrauen immer noch gross ist. Dabei ist es für beide Seiten sinnvoll, enger zusammenzuarbeiten.
Und was hat die Krankenversicherung davon, wenn ich mich als Kunde für Multimed entscheide?
Einerseits möchte sie den Kunden einen Mehrwert bieten und so die Zufriedenheit auf Kundenseite erhöhen. Andererseits hofft man, dass sich durch die bessere Vernetzung Doppel­spurigkeiten wie Mehrfach­behandlungen vermeiden lassen. Das ist nicht nur im Sinne der Patienten, sondern wirkt sich auch positiv auf die Gesundheitskosten aus.
Welchen Personen empfehlen Sie Multimed?
Jüngeren, die mehr Wahlmöglichkeiten bevorzugen und im Umgang mit digitalen Kommunikations­mitteln versiert sind. Aber auch Menschen, die an einer chronischen Krankheit wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzkrankheiten leiden und bei mehreren Ärzten in Behandlung sind.
Seit den 1990er-Jahren prägt das Prinzip der «Integrierten Versorgung» unser Gesundheitswesen. Weshalb gilt es nach wie vor als Mass aller Dinge?
Insbesondere chronische Krankheiten werden zunehmend komplexer, und eine geeignete Behandlung der Betroffenen gelingt nur, wenn inter­disziplinäre Teams zusammenarbeiten. Die integrierte Versorgung hat zum Ziel, diese Koordination zu verbessern und eine bedürfnisgerechte, kosteneffektive medizinische Versorgung zu ermöglichen. In meinen Augen ist sie aber noch nicht so weit, wie sie sein sollte. In unserem Netz hätten wir nebst Ärztinnen und Ärzten gerne auch Vertreter aller anderen Berufs­gruppen der Behandlungs­kette: So könnten wir Wissen und Erfahrungen teilen und voneinander lernen. Multimed, das den digitalen Austausch zwischen den Leistungserbringern fördert, zielt genau in diese Richtung und ist damit ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zur integrierten Versorgung. 
Sie sprechen es an: Bei Multimed tauschen Ärzte über das Multimed Cockpit Informationen zum Patienten aus. Muss ich mir als Kunde Sorgen machen, dass die Krankenversicherung ebenfalls Einsicht in meine medizinischen Daten hat?
Nein, denn die Krankenversicherung hat wie bis anhin keinen Zugang zu diesen Daten. Sie weiss zum Beispiel nicht, weshalb eine Kundin oder ein Kunde beim Arzt war. Bei der Entwicklung von Multimed war Datenschutz zentral. Bestehende IT-Programme wurden weiter­entwickelt und stellen sicher, dass keine un­erwünschten Informationen an die Krankenversicherung gelangen.

Dr. med. Florian Suter ist Geschäftsführer und Verwaltungsrat der Ärztenetz Nordwest AG. Bis 2014 führte er während 25 Jahren eine eigene Hausarztpraxis in Basel. Florian Suter ist verheiratet, Vater von drei Kindern, Grossvater von drei Enkelkindern und lebt mit seiner Ehefrau in Basel.

Was motiviert Hausärztinnen und Hausärzte, bei CSS Multimed mitzumachen?
Sie sind Teil eines fortschrittlichen Projekts und arbeiten bei der vielversprechenden Weiter­entwicklung im Gesundheits­wesen mit – und sie können erst noch dessen Ausgestaltung mitbestimmen.
Multimed gibt es vorerst nur in vier Kantonen. Warum?
Es macht Sinn, dass die CSS das neue AVM zunächst in einigen Regionen testet und Erfahrungen sammelt, bevor sie es auf die ganze Schweiz ausbreitet. Die Verantwortlichen tauschen sich weiterhin regel­mässig aus, um Schwach­stellen zu entdecken und Prozesse zu optimieren. Mir scheint es zudem wichtig, dass alle Beteiligten lernen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Das geht nicht von heute auf morgen.
Wagen Sie eine Prognose, wie «erfolgreich» Multimed langfristig sein wird?
Das ist schwierig. Ich wünsche dem Modell, dass es Erfolg hat. Die Einführung von neuen Produkten und Dienstleistungen ist allerdings immer störungs­anfällig. Neben­geräusche wird es auch bei Multimed geben. Alle Beteiligten sollten daher eine gewisse Frustrations­toleranz und Geduld mitbringen und das Projekt nicht nach drei Monaten abbrechen.

Flexibilität: Kunden wählen, je nach Symptomen und Situation, wer ihnen helfen soll: myGuide für eine erste Empfehlung auf digitalem Weg, das tele­medizinische Beratungszentrum oder ihr Arzt.

Digitale Unterstützung: Kunden erhalten im Kundenportal myCSS zum Beispiel eine Behandlungsübersicht oder die Möglichkeit, online einen Termin beim tele­medizinischen Beratungszentrum zu buchen.

Vernetzte Gesundheitsversorgung: Dank gegenseitiger Einsicht in die Behandlungs­daten sind das tele­medizinische Beratungs­zentrum und der Arzt stets über den Behandlungsstatus der Kunden informiert.